Sandra Schmid

Text · Konzept · Redaktion

Aus einem Abenteuer wird Alltag

Für Ewa Szlifisz beginnt Polen am Bahnhof Zoo. Dort steigt sie jeden Freitag in den Berlin-Warschau-Express, Sonntag geht es wieder zurück. Im Zug spricht man polnisch, akzeptiert Zloty und serviert im Zugrestaurant Zywiec-Bier, Kotlet schabowy und polnische Mehlsuppe. Eine Reportage über die Fahrt im Berlin-Warschau-Express zwei Jahre nach der EU-Ost-Erweiterung.

Der Tagesspiegel - 3. Mai 2006
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Jedes Wochenende verbringt die 56-Jährige rund zwölf Stunden im Zug der polnischen Eisenbahngesellschaft. Seit fünf Jahren verbindet er die deutsche und die polnische Hauptstadt, seit zwei Jahren ohne dabei die Europäische Union zu verlassen. Am 1. Mai 2004 wurde Polen Mitglied der EU.
Ewa Szlifisz ist in Warschau geboren, wohnt seit dreißig Jahren in Berlin. Seit sechs Jahren pendelt sie zwischen ihrem Leben als Übersetzerin im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und dem mit Mann und Freunden in Warschau. Einpacken, auspacken, ankommen, abfahren: Das typische Pendlerlos. Rund sechs Stunden braucht der Berlin-Warschau-Express von Hauptstadt zu Hauptstadt, aber Ewa Szlifisz sagt: „Für mich ist das Erholung“. Sie empfindet die Fahrt als behutsamen Wechsel von einem Leben zum anderen. Zwischen Abfahren und Ankommen liegt vor allem eins: Zeit. Viel Zeit – um sich in eine polnische Zeitung zu vertiefen, die sie oft unterwegs kauft – oder um sich mit der Freundin im Zugrestaurant auf einen Kaffee zu verabreden.
An diesem Freitagmorgen ist es kalt. Der Brezelverkäufer fröstelt hinter seinem Stand, die Menschen tragen zum sehr müde Gesichter. Ewa Szlifisz betritt pünktlich um 6.30 Uhr mit Tasche und Trolley Gleis 2 am Bahnhof Zoo. Eine schmale, elegante Frau mit schulterlangen, braunen Haaren. Als der Berlin-Warschau-Express mit seinen blauen Streifen auf den weißgespritzten Waggons schließlich einfährt und hält, steigen nur wenige Menschen mit ihr ein. Es gibt genügend freie Plätze in dem einzigen Großraumwagen, in dem Ewa Szlifisz stets versucht, einen Platz zu finden. Eine alte Gewohnheit: „Ich mag einfach keine Abteile“, erklärt sie und lässt sich auf einen der braun-beige-gesprenkelten Sitze sinken. Nicht nur die sind hier übrigens braun und beige, sondern auch die Wände, Gardinen und Gepäckfächer – ganz nach dem Geschmack achtziger Jahre. Zur Toilette ist es ein Zeitsprung von dreißig Jahren: Hier ist alles aus mintfarbenem Resopal.

6 Uhr 37 Uhr. Der Berlin-Warschau-Express fährt pünktlich ab, vorbei am neuen Hauptbahnhof, von wo er künftig starten wird und vorbei am Bahnhof Friedrichstraße, wo für Ewa Szlifisz bis zur Wende 1989 immer Endstation war, wenn sie mit ihrem Mann von Warschau nach West-Berlin fahren wollte. Ihr Mann, von Beruf Ingenieur, hatte dort 1976 eine Stelle bei einer schweizerischen Firma angenommen. Wann immer die Szlifiszs aus Warschau am Bahnhof Friedrichstraße ankamen und mit der S-Bahn in Richtung Zoo weiterfahren wollten, hieß es: Aussteigen, runter vom Gleis in die Grenzabfertigungsstelle, den „Tränenpalast“, Koffer öffnen, Pässe vorzeigen und sich von den DDR-Grenzkontrolleuren neidisch angucken lassen: „Die mochten uns Polen nicht“, erinnert sich Ewa Szlifisz, „wir konnten rüber in den Westen, sie nicht“. Heute gibt es am Bahnhof Friedrichstraße nur noch selten Tränen – und auch der Zug hält hier schon lange nicht mehr. Am Ostbahnhof dagegen schon. Es ist der letzte Halt in Berlin. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzt, sind die Waggons nahezu voll besetzt: Deutsche und Polen, Anzugträger, Rucksackreisende, ältere Frauen mit Taschen und Tüten haben ihre Plätze gefunden.

7 Uhr 41 Uhr. In Frankfurt/ Oder meldet sich der Zugchef – zum letzten Mal auf deutsch. Er empfiehlt das Bordrestaurant und nennt mit knarzender Stimme die nächsten Reisemöglichkeiten. Viele sind es nicht: Nach Cottbus, nach Eisenhüttenstadt – oder zurück, über Berlin nach Magdeburg. Dann verabschiedet er sich. „Dzien dobry!“ begrüßt sein polnischer Kollege die Fahrgäste. Kaum hat der Zug gehalten, steigen die Grenzpolizisten aus Polen und Deutschland zu. Zu zweit durchkämmen sie Waggon für Waggon. Bisher hatten die meisten Fahrgäste noch geschlafen, doch jetzt kommt Leben in den Zug. Man kramt nach Pass oder Personalausweis, die Grenzbeamten prüfen akribisch. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union vor fast zwei Jahren hat Polen das Schengener Abkommen unterzeichnet. Die Kontrollen an der deutsch-polnischen Grenze bleiben trotzdem voraussichtlich bis 2007 bestehen. Drei junge Schweizer kontrollieren die Grenzpolizisten jedenfalls noch mit eidgenössischer Genauigkeit. Kurz darauf passiert der Zug im leichten Nebel die Oder.

Zwanzig Minuten später. In Rzepin, dem erste Halt auf polnischem Boden, verlassen die Polizisten den Zug. Sie haben alle Fahrgäste kontrolliert, keine besonderen Vorkommnisse. Ewa Szlifisz steigt kurz aus, um sich eine Zeitung zu kaufen. Beeilen muss sie sich nicht. Als routinierte Pendlerin weiß sie, dass der Zug hier zehn Minuten hält. Die Lok muss gewechselt werden. Trotz europäischer Harmonisierungsbestrebungen – mit Stromart und Spannung des polnischen Schienenverkehrs kommen deutsche Loks nicht zurecht. Unter dem Stichwort „Interoperationalität“ versucht die Europäische Kommission seit Jahren die unterschiedlichen Eisenbahnsysteme zu vereinheitlichen. Man kommt nur mühsam voran.

10 Uhr 15 Uhr. Im Zugrestaurant beginnt für Mariusz Klimczuk und Adam Miller von der „polnischen Mitropa“, die hier WARS heißt, eine heiße Arbeitsphase: Nach dem Halt in Posen sind alle acht Tische, bestückt mit Schirmlämpchen und gelben Plastikblumen, komplett besetzt. Ein Tablett nach dem anderen mit Kaffee und Frühstück balancieren die beiden durch den schaukelnden Wagen. Auch Ewa Szlifisz bestellt Kaffee. Das Frühstück im Zugrestaurant ist ein liebgewonnenes Ritual. Immer wieder ist sie hier außergewöhnlichen Menschen begegnet. „Erst kürzlich habe ich einen koptischen Bischof getroffen, vor einigen Wochen eine Opernsängerin“, erzählt sie. In der engen Küche brutzeln Schnitzel in der Pfanne, schon jetzt am Vormittag ordern Gäste Heringsfilets, dazu Wodka. Mariusz und Adam arbeiten seit zehn Jahren zusammen, drei davon im Berlin-Warschau-Express. Die Gäste haben sie gut im Blick: „30 Prozent sind Touristen, 60 Prozent wegen Arbeit und Business – und 10 Prozent Zigarettenschmuggler“, schätzt Mariusz. Der Zigarettenschmuggel boomt. 735 Millionen Zigaretten stellte die Zollfahndung insgesamt im vergangenen Jahr sicher – viele davon kamen über die deutsch-polnische Grenze.

12:30 Uhr. Mit fünfminütiger Verspätung hält der Zug endlich am Warszawa Centralna. Ewa Szlifisz wirkt tatsächlich ausgeruht. Kein Wunder: Schließlich ist es im Berlin-Warschau-Express ein ganz klein wenig wie zuhause.