Sandra Schmid

Text · Konzept · Redaktion

“Nicht sprechen war das Normale”

Für Millionen Deutsche ist der Name “Jacobs” spätestens seit den Fünfzigerjahren untrennbar mit Kaffee verbunden, ebenso wie die “Krönung” oder das “Verwöhnaroma”. Doch so bekannt die Marke auch ist, so wenig ist dagegen über das Unternehmen und die Familie bekannt. Selbst die Enkelin des Firmenpatriarchen Walther Jacobs, Louise, wusste so wenig über ihre Vorfahren, dass sie sich auf die Spurensuche begab. Dabei machte sie eine erstaunliche Entdeckung.

die tageszeitung - 11. Dezember 2006
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Während die Jacobs und ihr Unternehmen Nazizeit und Krieg nahezu unbeschadet überstanden und danach Teil des Wirtschaftswunders wurden, musste die mütterliche Seite der Familie aus Deutschland fliehen. Die Jessuruns waren Juden. Doch darüber wurde in der Familie Jacobs geschwiegen – bis Louise anfing nachzufragen. Über ihre Suche nach den eigenen Wurzeln hat die heute 24-Jährige ein Buch geschrieben: “Café Heimat”.

taz: Frau Jacobs, ihr Opa, der Kaffeepatriarch Walther Jacobs, trank privat gern Tee, wie schmeckt denn Ihnen die “Krönung”?

Louise Jacobs: Ehrlich gesagt, ich trinke auch lieber Tee – oder Espresso.

Niemals Jacobs Kaffee?

Ich trinke kaum Filterkaffee. Aber kürzlich war ich eingeladen, da gab es richtig traditionell Kaffee und Kuchen. Und ich dachte mir: Mensch, dieser Kaffee schmeckt wirklich gut. Als ich später an der Küche vorbeiging, sah ich dort eine Tüte Jacobs Kaffee stehen. Ich musste lachen, das hatte ich nicht erwartet.

In Deutschland ist den meisten Menschen die Firma Jacobs ein Begriff, aber nur wenige wissen, dass sie heute zum Kraft-Konzern gehört. Sie selbst sind weit entfernt von der ursprünglichen Bremer Firmenzentrale in der Schweiz aufgewachsen, was verbinden Sie mit Jacobs Kaffee?

Mit Kaffee an sich verbindet mich viel. Ich liebe den Duft, mich fasziniert seine unvergleichliche Geschichte. Dass dies zum Teil auch zu unserer Familiengeschichte gehört, ist etwas sehr Schönes. Es ist schade, dass Jacobs Kaffee kein Familienunternehmen mehr ist. Wer weiß, vielleicht hätte ich einmal mit Kaffee gearbeitet.

Es scheint, als habe das Unternehmen immer in Vordergrund gestanden. Über die Menschen in Ihrer Familie – besonders Ihre Großeltern – wussten Sie offenbar nur wenig.

Wir wohnten eben weit auseinander. Die Großeltern in Bremen, wir in der Schweiz, andere Familienmitglieder in den USA. Dennoch habe ich schon als Kind gespürt, dass über vieles nicht gesprochen wurde. Der Normalzustand war einfach das Nicht-Sprechen.

Die Jacobs haben die Nazizeit gut überstanden, das Unternehmen galt als “kriegswichtig”. Ihre Vorfahren mütterlicherseits, die Jessuruns, mussten dagegen vor der Verfolgung der Nazis fliehen. Gab es aufgrund dieses Gegensatzes in der Familie Spannungen?

Die Zusammenführung dieser beiden Familien ist ja so unmöglich, dass es natürlich zu Spannungen gekommen ist. Doch es ist einfach auch hanseatisch, diese Spannungen zu überwinden, indem über Dinge nicht gesprochen wird. Ich war ein Kind und sollte davon nichts mitbekommen.

Warum haben Sie begonnen nachzuforschen, was in Ihrer Familie geschehen ist?

Ein Auslöser war die Frage meines Freundes: Der hatte mich angeschaut und ganz direkt gefragt, warum ich eigentlich so dunkle Haare habe. Ob ich vielleicht spanische Vorfahren habe? Er war der Erste, der so knallhart fragte, woher ich eigentlich komme. Mich hat geschockt, dass ich ihm das nicht richtig beantworten konnte. Ich wusste nur, dass die Jacobs ein norddeutsches Bauerngeschlecht waren. Mehr nicht. Von der Familie meiner Mutter wurde gar nicht gesprochen. Ich habe zum Beispiel nicht gewusst, warum meine Mutter in Nicaragua geboren wurde oder wieso meine Großtante in den USA wohnt.

Sie haben also in Archiven gestöbert, sogar nach Rio de Janeiro und New York sind Sie geflogen, um Spuren Ihrer Familie zu finden. So erfuhren Sie etwa, dass die Vorfahren Ihrer Großmutter von spanischen Juden abstammten. Und Sie hörten auch zum ersten Mal, dass Ihre Großmutter von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, die Familie 1938 über Portugal in die USA fliehen musste. Wie war es, das zu erfahren?

Ich konnte es gar nicht glauben. Ich hätte niemals damit gerechnet, jüdische Wurzeln zu haben. Aber mit diesem Wissen fügt sich vieles. Früher fühlte ich mich jüdisch, heute bin ich es. Ich kann es nicht besser beschreiben, aber ich spürte schon vorher eine Verbindung zum Judentum. Mit 14 Jahren war ich das erste Mal in Israel. Meine Mutter wollte damals diese Reise machen, um nach ihren verschütteten jüdischen Wurzeln zu suchen. Gesagt hat sie uns Kindern das aber natürlich nicht. Trotzdem, der Besuch in Israel hat auch mich lange beschäftigt.

Sie sind eigentlich Protestantin – was ändert sich durch die jüdischen Wurzeln?

Ich suche den Kontakt zu Juden, frage viel, lese viel. Diese Entdeckung hat hauptsächlich meinen Blickwinkel verändert. Aber dass ich mich mit dem Judentum beschäftige, heißt nicht, dass ich ab morgen nur noch koscher koche oder im jüdischen Lebensmittelladen einkaufe. Die Auseinandersetzung ist ein Prozess. Er wird mich noch lange beschäftigen.

Konnten Sie verstehen, warum so lange über die Vergangenheit geschwiegen wurde?

Meine Oma hat fast vierzig Jahre aus ihrem Leben ausgeklammert. Das war eine schreckliche Zeit, hat sie gesagt. Das war alles. Sie hat auch ihrer Tochter, meiner Mutter, niemals von ihrer Jugend erzählt – sie konnte nicht anders. Ich gehe mit der Vergangenheit anders um.

Und haben beschlossen, ein Buch zu schreiben?

Genau. Als ich begann, nachzuforschen, war mir klar, dass ich die Geschichte meiner Familie auch aufschreiben will. Ich habe schon immer geschrieben – und ich wollte auch gern etwas weitergeben können.

Wie hat eigentlich ihre Familie darauf reagiert, dass das Geheimnis der Vergangenheit damit gelüftet werden sollte? Besonders Ihre Großmutter?

Die Reaktionen waren positiv. Die meisten meiner Verwandten haben eingewilligt, mit mir über ihre Vergangenheit zu sprechen. Trotzdem musste ich erst das Eis brechen. Von alleine haben sie nichts erzählt. Meine Großmutter ist heute sehr stolz auf das Buch. Sie hat mittlerweile über dreißig Exemplare gekauft und verschenkt.

Der Einzige, der etwas gegen das Buch hatte, war also Ihr Vater?

Stimmt. Als ich ihm damals erzählte, was ich vorhabe, sagte er: Nein, das machst du nicht. Das war für mich umso mehr ein Grund, es trotzdem zu tun.

Warum war Ihr Vater denn so wenig begeistert von Ihrem Plan?

Ach, ihm war es unangenehm, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Er war außerdem der Meinung, dass man über die Familie einfach kein Buch schreibt. Richtig ernstgenommen haben mich meine Eltern die zweieinhalb Jahre nicht, in denen ich an dem Buch gearbeitet habe. Aber als das Buch schließlich erschien, war es mein Vater, der es als Erster gelobt hat.

Wie hat sich das Verhältnis zu Ihren Eltern verändert, besonders das zu ihrer Mutter?

Das Verhältnis zu meinen Eltern hat sich nicht verändert. Vielleicht das Verhältnis meiner Eltern zu einander, ich weiß es nicht. Ich hoffe aber, meiner Mutter einen Anstoß zur Beantwortung offener Fragen gegeben zu haben.

Ihre Familie lebt verstreut in verschiedenen Ländern. Sie selbst haben früh die Schweiz verlassen, um erst in den USA, dann in Berlin zur Schule zu gehen. Heute leben Sie in Charlottenburg. Wo ist für Sie Heimat?

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss, das hat Johann Gottfried Herder gesagt. Er hat Recht, finde ich. In der Schweiz habe ich mich früher immer unwohl gefühlt, anders als die anderen. Das fing schon mit der Sprache, dem Schweizerdeutsch an: Ich kann es natürlich sprechen, hatte aber immer den Eindruck, mich nicht richtig darin ausdrücken zu können. Hochdeutsch war mir immer näher. In die USA bin ich damals wohl auch gegangen, weil ich intuitiv nach meiner Heimat suchte. Ich habe sie dort aber nicht gefunden.

Welche Rolle spielt das Buch für Sie?

Die Suche nach meinen Wurzeln war sehr wichtig für mich. Meine Vorfahren sind Wegweiser in meinem Leben geworden.

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