Sandra Schmid

Text · Konzept · Redaktion

Schäfchen zählen

In einer kleinen Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern steht ein junger Pfarrer vor einer großen Aufgabe: Menschen für den Glauben zu interessieren.

Jugendmagazin fluter - Dezember 2004
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"Als ich gehört habe, dass ich Pfarrer in dieser Gemeinde werden soll, war ich geschockt“, sagt Mathias Kretschmer und schaut aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Diese Gemeinde – damit meint der 33-Jährige eigentlich drei Gemeinden: Staven, Neddemin, Neuenkirchen. Elf Kirchen, verstreut auf mehr als 25 Quadratkilometern in einer Ecke Deutschlands, in die kein Zug und kein Bus mehr fährt: Mecklenburg-Vorpommern, nordöstlich von Neubrandenburg. Wer dorthin will, der wohnt dort – und hat ein Auto. Mathias bat um Bedenkzeit und schaute sich die Gemeinden erst mal an. Das Leben auf dem Land, die Bodenständigkeit der Leute – Mathias gefiel, was er sah. Also sagte er ja. Außerdem wollte er sich auch nicht gegen die Weisung des Bischofs sträuben, obwohl es möglich gewesen wäre, sagt er.

Eineinhalb Jahre ist das nun her, seitdem lebt der gebürtige Brandenburger in Staven, wo auch das Pfarramt der drei Gemeinden ist. Es ist die erste Entsendungsstelle von Mathias – das heißt, er ist zum ersten Mal als Pfarrer verantwortlich für eine Gemeinde. Rund 400 Einwohner hat Staven, viele davon haben keine Arbeit, die meisten sind schon alt. Ein paar Kinder gibt es, wer jung ist und Arbeit sucht, verlässt die Gegend. Die meisten gehen in den Westen, nach Hamburg oder Bremen.

Auf der Dorfstraße in Staven ist es ruhig. Die einzige Kneipe im Ort, gleich neben der Kirche, hat schon vor Jahren geschlossen. Über der Tür hängt noch das zerbrochene Schild mit dem Namen der Kneipe: „Suffas Bierstuuw“. Suffa hieß der Besitzer. „Die Leute haben kein Geld mehr, dorthin zu gehen“, sagt Mathias, „es ist billiger, einen Kasten Bier zu kaufen.“ Billiger – und anonymer. Viele in der Gegend haben ein Alkoholproblem.

Mathias würde gerne etwas dagegen unternehmen. Man müsste mit den Leuten in Kontakt kommen, meint er und es klingt wie laut gedacht. Überhaupt scheint seine Hauptaufgabe zu sein, Kontakte zu knüpfen. Von selbst suchen ihn nur die wenigsten: 750 Mitglieder bei insgesamt 5000 Einwohnern hat die evangelische Kirche in Mathias Kretschmers Gemeinden, doch häufig bleiben die Kirchen am Sonntag fast leer. Wenn acht oder zehn Personen kommen, ist der Pastor schon froh, oft sind es weniger. Dann ist er enttäuscht: „Warum bereite ich sechs Stunden lang eine Predigt vor, wenn dann nur drei Leute in der Kirche sitzen?“ Wird die Enttäuschung zu stark, nimmt er sich sein Fahrrad und fährt über Land oder zum Tollensesee, wo sein Segelboot liegt. Frust abbauen, auf andere Gedanken kommen. Er weiß, dass die Bindung an die Kirche im Osten Deutschlands schwach ist. Die DDR-Zeit hat Spuren hinterlassen. „Die haben es wirklich geschafft, den Leuten einzuimpfen, die Kirche sei etwas Schlechtes“, sagt Mathias. Viele hätten Angst, in die Kirche zugehen. Warum, darüber kann er aber nur spekulieren: „Vielleicht fürchten sie, dass etwas Magisches passiert, dass sie die Kontrolle verlieren und fremdbestimmt werden?“. Mathias akzeptiert es, wenn jemand nicht glaubt oder eine andere Überzeugung hat. Nur wenn jemand gegen die Kirche ist, ohne zu wissen, warum, macht ihn das wütend. Und er versteht es nicht, wenn Menschen sich keine Gedanken über ihr Leben machen, „wenn sie nur interessiert, was es zum Essen oder im Fernsehen gibt“. Er selbst kann sich nicht vorstellen zu leben, ohne über Sinn und Zweck des Lebens nachzudenken. „Sonst könnte man doch auch ein Tier sein“, sagt er. Der Glaube spielt für ihn dabei die entscheidende Rolle. „Es ist eine Art Urvertrauen, dass ich getragen und beschützt werde“, sagt er.

Dieses Urvertrauen fand er, als es in seinem Leben drunter und drüber ging. Mathias war 17, besuchte die 11. Klasse, als die Wende kam: „Alles war plötzlich so ungewiss, dass die Spannung kaum auszuhalten war“, erinnert er sich. Halt bot da besonders ein Pfarrer und die Gemeinschaft mit anderen in seinem Alter – die Junge Gemeinde. Für ihn, der sich noch wenige Jahre zuvor im Konfirmandenunterricht gelangweilt hatte, war das „wie Heimat“. Deshalb bemüht sich Mathias jetzt um eine Gemeinde, in der Menschen im Kontakt sind, miteinander leben, diskutieren, Sorgen teilen – und in der auch er als Pfarrer teilhat. „Ich möchte einfach dazugehören“, sagt er. Er scheint auf dem richtigen Weg zu sein, zumindest Gedanken macht man sich in der Gemeinde über den jungen Pfarrer: „Als ich meine Freundin noch nicht kannte, haben sie sich Sorgen gemacht, dass ich allein sein könnte“, erzählt Mathias, „und gleich versucht, mich zu verkuppeln.“ Unermüdlich fährt Mathias von Dorf zu Dorf, jeden Tag mehr als 50 Kilometer. Er initiiert Hauskreise, in denen Menschen über Fragen des Lebens und Glaubens diskutieren. Er kümmert sich um Sommerfeste, trifft sich zum Singen mit den Alten, baut mit Jugendlichen den Dachboden des Pfarramtes aus, damit sie sich dort wohl fühlen, und kann bei all der Anstrengung nur hoffen, dass der Funke überspringt.

Inzwischen sieht es so aus, als würde das klappen: Auch wenn die Gottesdienste noch immer fast leer bleiben, das persönliche Gespräch mit ihm suchen die Menschen doch. Festmachen kann Mathias das an der Post, die er bekommt: Auf der letzten Seite des Gemeindesbriefs gibt es einen Abschnitt, den man einschicken kann, um einen Termin mit dem Pfarrer zu vereinbaren. In den letzten Wochen findet Mathias diesen Abschnitt häufiger im Briefkasten.

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